Auf der Messe des Werbekongress 2010 hatten wir wie alle Teilnehmer und Besucher auch die Gelegenheit, mit einigen Kreativen und Personalern der teilnehmenden Agenturen zu sprechen. Dabei sind einige Interviews entstanden. Hier nun das erste aus dieser Reihe mit der Agentur kempertrautmann aus Hamburg.

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Interviewpartner
Christine Stempels (CS), Human Resources
Alexander Muesgens (AM), Creative Art

Mehr Informationen zur Agentur unter kempertrautmann.com


KK: Welche Eigenschaften muss man heute mitbringen, um als Kreativer erfolgreich zu sein?
CS: Als Texter sollte man einen guten Copy-Test vorweisen können oder gerne auch eine Texterschule wie den KreativKader in Düsseldorf, die Texterschmiede in Hamburg oder die Miami AdSchool absolviert haben. Dann sollte man natürlich werbeaffin sein und eine gute Mappe haben mit Mut zu verrückten Ideen. Gerade bei Grafikern passiert es häufig, dass die Mappe wenig konzeptionelle Arbeiten beinhaltet. Die schicken oft ihre Gold-Ideen gar nicht mit, weil sie meinen, es müsste immer alles veröffentlicht worden sein. Das ist natürlich Quatsch. Da muss man auch mal Mut zur Lücke haben.

KK: Interessieren euch überhaupt noch die Noten der Bewerber?
CS: Grundsätzlich zählt das Gesamtbild. Ich hatte gerade wieder eine Bewerbung, die hatte 23 Seiten, mit allen Zeugnissen vom Abi, aus dem Studium, ein Zeugnis aus jedem Jahr, und so weiter. Und das ist natürlich ein Bisschen viel. Ich finde Arbeitszeugnisse wichtig, vom letzten Praktikum, von den letzten Arbeitgebern. Ein Texter muss natürlich gut in Deutsch sein. Das sehe ich aber am Copy-Test oder an der Mappe, dafür brauche ich nicht die Deutsch-Note aus dem Abi. Allgemein achten wir auf Noten eher weniger – aber sie gehören eben zu dem Gesamtbild dazu.
AM: Wenn ich da mal kurz einhaken darf: Mich als Kreativen interessieren die Noten bei einem Bewerber gar nicht. Mir kommt es da auf die Mappe und das Gespräch an.
KK: Selbst eine Vier im Diplom wäre also in Ordnung solange die Mappe gut ist?
AM: Das müsste der Bewerber natürlich erst mal erklären können. Eine Vier ist ja sehr ungewöhnlich. Ich habe lange kein Diplom mehr gesehen unter dem ein Eins-Komma-Irgendwas stand. Aber wenn der Bewerber ein persönliches Problem mit seinem Professor hatte oder die Vier sonst irgendwie erklären kann, dann werde ich mich sicher nicht daran stören.

KK: Wie steht ihr zu „Lücken“ im Lebenslauf? Sind die für den Bewerber von Nachteil oder ist es vielleicht sogar positiv, wenn jemand zwei Jahre um die Welt gereist ist?
CS: Das kommt auf die Lücke an. Wenn jemand zwei Jahre freiberuflich gearbeitet hat, ist das für mich natürlich keine Lücke. Wenn er nicht erklären kann, was er in den zwei Jahren gemacht hat, ist das ein Problem. Aber wenn er zum Beispiel versucht hat, seinen Traum zu verwirklichen und meinetwegen auf Cuba eine Bar eröffnet hat, dann ist das ja eine tolle Geschichte. Insgesamt sind Lücken eigentlich eher kein Problem aber pauschal kann man das natürlich nicht sagen.

KK: Wie wichtig ist es, veröffentlichte Arbeiten für große Marken in der Mappe zu haben? Oder zählt immer nur die Idee und nicht der Kunde?
AM: Bei veröffentlichten Arbeiten für große Marken würde ich erst mal nachfragen, wie der Bewerber daran genau beteiligt war. Denn Ergebnisse sind in der Werbung nie Einzelleistungen. Da gibt es immer vorab eine Strategie und eine Beratung; die Kreativdirektion, die die Idee gut gefunden hat; vielleicht hat auch noch ein Senior-Team daran mitgearbeitet. Natürlich kann die Idee auch vom Praktikanten gewesen sein. Aber es hat immer ein großer Apparat lange daran gearbeitet, bevor am Ende ein Ergebnis dabei herauskam.
Wichtige Marken beeindrucken natürlich schon, letztendlich kommt es aber nur auf die Qualität der Ideen und Arbeiten an. Diese Qualität festzustellen, ist bei einer Bewerbung ja die Aufgabe der Kreation und die Bewerber können sicher sein, dass wir die auch in unveröffentlichten Arbeiten und bei unbekannten Marken erkennen werden.

KK: Braucht eine Mappe selbst eine außergewöhnliche Idee, einen roten Faden oder eine besondere Aufmachung oder ist es besser, die Arbeiten schlicht zu präsentieren und für sich sprechen zu lassen?
AM: Schlicht!
CS: Schlicht!!
AM: Ich glaube, eine Zeitlang war es mal schwer in Mode, dass Leute Sachen aufwendig verpackt haben. Aber da muss man wirklich ganz pragmatisch sein und wissen, dass in einer Werbeagentur, die eine gewisse Größe hat, an guten Tagen unter Umständen 10–15 Mappen ankommen. Und wenn davon jeder eine verrückte Idee hätte, würde mich der Ablauf einfach komplett lähmen. Außerdem bewirbt man sich ja mit seinen Arbeiten und nicht mit der Mappe. Und wenn ich nicht mehr feststellen kann, wo die Verpackung aufhört und die Arbeiten anfangen, dann hat die ganze Sache irgendwie ihren Sinn verfehlt.
Natürlich ist es trotzdem schön, wenn man der Mappe ansieht, dass der Bewerber ein feines Händchen für Gestaltung hat. Aber sie sollte in erster Linie die Arbeiten in den Vordergrund stellen und nie die Mappe als solche.
CS: Glücklicherweise sind die Bewerber da inzwischen auch sehr professionell geworden. Solche ausgefallenen Sachen kommen nicht mehr häufig vor. Ausgefallen ist heute schon, wenn jemand ein dickes Buch mit der Post schickt. Das ist kürzlich passiert und so schön das Buch auch war – es ist wirklich unpraktisch. Denn ich bringe das Buch dann zur Kreation. Die sieht es sich an, legt es in den Schrank und vergisst, es mir zurückzubringen – und dann muss ich dem Buch hinterherlaufen. Da wäre mir dann ein PDF natürlich lieber gewesen.
AM: Wir lieben PDFs!
CS: Genau. Wir lieben PDFs! Aber bitte nicht größer als 5 MB.

KK: Hat sich das Anforderungsprofil an Kreative in den letzten Jahren stark verändert?
AM: Ja, das finde ich schon. Heute muss man einfach vernetzt denken. Als ich damals in den Beruf eingestiegen bin, haben noch schöne klassische Arbeiten und ein paar Praktika gereicht. Inzwischen haben sich aber die Welt und auch unser Job sehr verändert. Es wird jetzt viel Wert auf integriertes Arbeiten gelegt und dafür sollte man sich mit dem Thema Internet und z. B. Social Media schon beschäftigt haben.
CS: Das stimmt. Onlinemedien werden immer relevanter und da achten wir natürlich auch auf Vorbildung und Arbeiten in diese Richtung. Trotzdem kommt es natürlich auch auf die Qualität der Idee an. Und eine gute Idee ist ein Dach, das man über alle Maßnahmen spannen kann – online wie offline.

KK: Es heißt, wer viele Preise gewinnt, steigert seinen Marktwert und kann schnell ein deutlich höheres Gehalt fordern. Sind Awards bei Gehaltsverhandlungen wirklich eine so harte Währung?
AM: Awards sind nach wie vor „nice to have“. Die machen den Bewerber natürlich interessant und nicht zuletzt werden auch die Personaler über Awards auf Kreative aufmerksam. Deswegen kann es nicht schaden, an Awards teilzunehmen und es ist auch schön, wenn man etwas gewinnt. Aber wenn man erst mal in einer Agentur fest angestellt ist, ist natürlich die kreative Leistung auf dem Tagesgeschäft wichtiger. Dann wird nämlich festgestellt, was du der Agentur überhaupt wert bist. Und wenn du zwar fleißig Awards einsammelst, indem du nebenbei lustige Kakao-Reklame machst, im Tagesgeschäft aber kaum zu gebrauchen bist, dann hilfst du der Agentur nur bedingt weiter.
CS: Das Beste ist natürlich, auf realen Kunden eine gute Idee zu haben und die so gut umzusetzen, dass man dafür dann auch einen verdienten Preis bekommt.
AM: Bei manchen Ideen weiß man eben, dass die höchstens einmal in einem Frankfurter Schwulenmagazin erschienen sind. Dann kann man den Kreativen sicherlich zu der guten Idee gratulieren …
CS: … aber deswegen können die ja noch nicht gut konzeptionell arbeiten. Wenn die dann mal eine Audi-Kampagne machen sollen, brechen sie möglicherweise zusammen.

KK: Was unterscheidet kempertrautmann von anderen Agenturen?
CS: Wir sind Deutschlands kleinste Großagentur!
AM: Ich würde sagen, dass kempertrautmann tatsächlich noch eine inhabergeführte Agentur ist, in der André Kemper und Michael Trautmann noch extrem mit in der Arbeit stecken. Und das sind beides sehr nahbare Menschen und nicht wie andere große Kreative, die mal kurz durchs Haus huschen und dann bis zur Weihnachtsfeier nicht mehr zu sehen sind.
Das sind beides sehr präsente und extrem getriebene Personen und sie sind der Prüfstand, auf den sich alles stellen muss, was bei uns das Haus verlässt. Und dabei verlangen sie es ihren Leuten wirklich ab, immer auch noch die letzten 2% aus einer Arbeit herauszuholen und sie noch besser zu machen. Exzellenz ist ein Wort, das unsere Arbeit prägt.
Die Qualität unserer Arbeit macht uns also aus. Und damit meine ich nicht nur die technische Umsetzung, sondern die Idee, die Herleitung und auch die Überzeugung, mit der die Menschen dahinterstehen. Sonst würde man sich nach langen Arbeitsphasen auch fragen: „Was mache ich hier eigentlich?“ Und diese Frage müssen sich die meisten Leute bei uns nicht beantworten.

KK: Vielen Dank für das Gespräch!

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