Die Arbeit in einer Kreativ-Agentur ist sicher mit kaum einem anderen Beruf zu vergleichen. Sie steckt voller Adrenalin, hat unzählige Höhen und Tiefen und ist extrem abwechslungsreich. Und nicht zuletzt ist sie auch anstrengend, nervenaufreibend, stressig. Für die meisten, die diesen Beruf ausüben ist er das alles wert. Warum, das ist schwer zu erklären – aber dieser Artikel versucht es trotzdem. Er schildert eindrucksvoll und authentisch den Arbeitsalltag eines Grafikers in einer Kreativ-Agentur. Deshalb sollte ihn jeder Nachwuchskreative lesen. Und später nicht behaupten, er sei nicht gewarnt worden.

Dies ist ein Gast-Beitrag der beiden freien Texter Bernd Friedrich und Alexander Rehm und erschien unter dem Titel „Der Wahnsinn hat 24 Stunden“ in ihrem Buch „NEU! Sachdienliche Hinweise zur Werbung“, welches 2004 im Verlag Stiebner erschienen und inzwischen leider nicht mehr lieferbar ist. Einige ungebrauchte Exemplare sind aber derzeit bei Amazon für 24,99 Euro erhältlich. Eine genauere Beschreibung findest du in unserer Buchempfehlung

Was? Schon kurz nach acht?? Shit! Schon wieder verpennt, denke ich und verlasse einen merkwürdig stummen Wecker, eine warme Bettdecke und eine ebenso warme Freundin. Zum Frühstücken habe ich schon lange keine Zeit mehr – um genau zu sein, seit ich vor einem halben Jahr als Grafiker angefangen habe. Eine kalte Dusche macht genauso fit. Weil’s aber doch nicht so ganz ohne was zwischen den Zähnen geht (und weil man das im Büro halt so macht), besorg’ ich mir noch schnell ein Brötchen beim Bäcker meines Vertrauens. Dort treffe ich – wer hätte das gedacht? – den wahrscheinlich einzig netten Kontakter auf der ganzen Welt. Zusammen gehen wir das kleine Stück bis zum Büro und versuchen ganz ernsthaft, einmal nicht über die Arbeit zu sprechen. Es klappt nicht. Zu tief stecken wir da drin. Diesem düsteren Gedanken nachhängend merke ich gar nicht, wie der Managing Director zu uns in den Fahrstuhl steigt. Der Alte! Um Viertel nach neun! Scheiße! Natürlich bleibt die obligatorische Ansage nicht aus: „Es reicht, wenn ich zu spät komme!“ Ich hasse diesen Spruch. Der hat wohl keinen Schimmer, wie lange wir jeden Abend hier sind und nur für ihn keulen. Damit er schön Porsche fahren kann. Verflucht!

Oben in der Kreation jedenfalls geht der Ärger auch gleich weiter. Meine Lieblings-Beraterin, die von allen aber Account Director genannt werden möchte, macht sich gerade im Alleingang über die Entwürfe von gestern her. Und obwohl das doch bloß die ersten Entwürfe sind, motzt, meckert und nörgelt sie daran herum, als würden sie schon druckreif sein. Ich verstehe das nicht: Bei ihr hört sich das immer so an, als wäre es das Allerletzte, was wir hier Tag und Nacht produzieren. Und mein Art Director? Der steht in seinen komischen Klamotten müde lächelnd daneben und lässt sie einfach weiterschreien. Entweder ist der ein ganz abgebrühter Hund, oder er ist einfach nur mürbe geworden – da blicke ich noch nicht so ganz durch. Jedenfalls macht er es irgendwie richtig, denn nach circa drei Minuten Terror rennt die Beraterin puterrot runter in ihr Büro und wir können endlich mit der eigentlichen Arbeit anfangen, ohne auf Madames Gestaltungssonderwünsche eingehen zu müssen. Darauf erst mal eine schöne Tasse Kaffee!

Auf dem Weg zur Kaffeemaschine kommt mir unser neuer Praktikant entgegen, der – obwohl er erst seit drei Wochen hier ist – schon ganz schön mitgenommen aussieht. „Ob der Kaffee schon fertig ist?“, flachse ich ihn an, ernte aber nur ein müdes Lächeln. Der Arme hat wohl gestern wieder bis zum Morgengrauen Motive aus Bildkatalogen rausgesucht – einer muss es ja machen, und ich bin froh, dass ich es nicht mehr bin. Eigentlich ist es ja fies, aber es tut wirklich gut zu wissen, dass es da jemanden gibt, der in der Hackordnung noch weiter unten steht als ich. Derart beschwingt und koffeiniert fühle ich, dass ich heute das göttliche, das heißersehnte und bis-jetzt-noch-nie-dagewesene Layout für unsere NeugeschäftsKampagne hinbekomme.

Von meinem Platz aus sehe ich direkt in die geröteten Augen meiner Junior-Texterin. Ungläubig sitzt sie vor mehreren Bögen beschriebenen Papiers, auf denen eigentlich alles durchgestrichen ist. Hm, sieht irgendwie ganz nach einer normalen Besprechung mit ihrem Texter aus. Aber dieses Mal scheint es sie ein wenig mehr mitzunehmen. Vielleicht liegt es daran, dass die Zeit mal wieder viel zu knapp ist, sie immer noch nichts hat, was ihr Texter gut genug findet, und sie sich wahrscheinlich von ihrer Verabredung heute Abend verabschieden kann. Ich frage sie besser nicht, sondern konzentriere mich lieber auf das Wahnsinns-Layout, das gleich auf meinem Bildschirm entstehen wird.

Nach ein paar glücklosen Experimenten entscheide ich, dass ich dringend neue Inspiration benötige und blättere in diesen Zeitschriften mit den exotischen Namen, die hier aber alle regelmäßig zu lesen scheinen. Ich kenne sie jedenfalls nur vom Durchblättern und genau das scheint auch ihr ureigenster Daseinszweck zu sein. Mit feuchten Augen betrachte ich eine Wahnsinns-Fotostrecke und denke mir, dass ich das dringend mal der Art-Buyerin zeigen muss, weil ich so einen Fotolook auch einmal haben möchte, um wirklich neue schicke Layouts machen zu können. Aber vermutlich kennt sie den Fotografen schon lange. Wie sie ja auch wirklich jeden kennt, der eine Kamera in der Hand halten kann. Echt Wahnsinn.

Eine raue Stimme reißt mich aus meinen süßen Designer-Träumen: „Wie sieht’s mit den neuen Layouts aus? Wir treffen uns heute um 4.“ ruft mein Art Director im Vorübergehen und verschwindet in die Mittagspause. Ein kleines bisschen demotiviert und ein großes bisschen hungrig setze ich mich wieder vor meinen Rechner und bastel’ an meinem Jahrhundert-Layout weiter. Derweil hackt meine Junior-Texterin wie von Sinnen auf ihrer Tastatur herum. Aber zufrieden scheint sie mit dem Ergebnis nicht zu sein: Das vertraute „Bing“ kündigt unmissverständlich an, dass sie wieder einen ganzen Absatz gelöscht hat. Damit sie auf andere Gedanken und mal raus kommt, frage ich sie, ob sie mir ein Hähnchenschnitzel besorgen möchte. Wer viel arbeitet, muss auch viel essen, rechtfertige ich mich, aber das ist nicht der Grund, warum sie mich fragend anguckt.

Doch nach einer Viertelstunde Betteln habe ich sie soweit: Sie geht was zu Essen holen. Sie kann sich eh nicht mehr konzentrieren. Und kaum ist die Tür hinter ihr zu, durchfährt mich ein Geistesblitz. Die Layout-Idee! Endlich! Die Muse hat mich doch noch geküsst. Im Feuereifer öffne ich alle Programme, die auf meinem Rechner sind, und während das Bild meines unsterblichen Layouts immer klarer wird, nickt mir auch der CD einen Mittagsgruß zu. Die Tatsache, dass ich der Einzige bin, der seine Mittagspause dem Wohl einer neuen ruhmreichen Kampagne opfert, ist bestimmt bei meinem nächsten Halbjahresgespräch nicht ganz unwichtig. Ich liebe diesen Tag.

Die Mutter aller Layouts nimmt langsam Gestalt an und das frisch gelieferte Hähnchenschnitzel vor mir verbreitet seinen verlockenden Duft. Aber an Essen ist jetzt nicht zu denken. Nicht einmal der hyperaktive Trafficer, der alle 10 Minuten mit seinen nervtötenden Kleinkram-Jobs daherkommt, kann mich davon abhalten, mein Götter-Layout, das sich in einem überaus sensiblen Entwicklungsstadium befindet, aus den Augen zu lassen. Leider hat der gar kein Verständnis dafür und führt sich wie Rumpelstilzchen höchstselbst auf. Man könnte fast Mitleid haben, wie er so tobt und winselt und sein Blutdruck ungeahnte Höhen erklimmt. Die Reinzeichnung sei falsch, der Kunde stocksauer und er muss das jetzt ausbaden, heult er. Ich schmettere ihm ein trockenes „Ich hab um 4 ein Meeting und jetzt keine Zeit“ entgegen und bin wahrscheinlich nicht ganz unschuldig an seiner Herz-Rhythmus-Störung, die ihm mittlerweile arg zusetzt. Dank der erfolgreichen Vermittlung meiner mitfühlenden Junior-Texterin einigen wir uns darauf, dass ich mir die Reinzeichnung heute noch anschaue und ihm morgen früh die korrigierte Fassung zukommen lasse.

Der Rest des Nachmittags vergeht sehr schnell, mit mehr oder weniger fruchtbarem gemeinsamem Nachdenken mit meiner geschätzten und mittlerweile wieder etwas entspannteren Junior-Kollegin. Wir brauchen noch mehr neue, noch bessere Motive für die Kampagne, und eine Handvoll ganz brauchbarer Ideen haben wir auch schon. Aber die Leute hier sind ja nie zufrieden. Man kann nie genug über einen Job nachdenken, sogar bis fünf Minuten vor der Präsentation. Das zumindest behauptet unser lieber CD und das scheint hier auch tatsächlich Arbeitsprinzip zu sein. Deswegen müssen wir auch immer wieder ran. Bis zum Rien ne va plus. Und das ist bekanntermaßen, wenn das Taxi zum Flughafen vor der Tür steht. Und keine Sekunde früher.

Huch! Schon 5 nach 4! Ein kalter schauer durchfährt mich, während wir Todgeweihten unsere Sachen zusammenpacken und uns auf den Weg nach Canossa machen – in den Konfi. Sehe ich da Angstschweiß auf der blassen Stirn meiner Junior-Texterin? Na ja, so schlimm wird’s schon nicht, den Kopf werden sie uns schon nicht abreißen, versuche ich sie aufzumuntern, werde aber schnell eines Besseren belehrt.

Das Meeting ist ein einziges Fiasko: Es fängt damit an, dass wir eine geschlagene dreiviertel Stunde auf den CD und die Etat Directorin warten, die dann noch so freundlich sind, alle unsere Layout- und Textvorschläge in die Tonne zu treten. Es gipfelt in einer fast handfesten Auseinandersetzung zwischen dem Strategen, der beim Kundengespräch alles ganz anders verstanden hat und dabei mit überzeugend klingenden Fachausdrücken um sich wirft, als ginge es um sein Leben, und besagter Etat-Directorin, die da ganz anderer Meinung ist. Zu allem Überfluss greift der CD mit dem alles entscheidenden Argument und wohl gefürchtetsten Satz in diesen Hallen ein: „Das rockt sowieso nicht. Da müssen wir noch mal ran.“ Der Dolchstoß. Aus den eigenen Reihen. Bloßgestellt vor dem versammelten Team. Das macht mich echt fertig. Ich sehe ja ein, dass man die Messlatte gar nicht hoch genug legen kann, aber schließlich ist morgen Präsentation und wir stehen mal wieder vor einem Scherbenhaufen.

Während die nackte Verzweiflung jede menschliche Regung in mir abtötet und ich nur noch mechanisch nicke, um den Anschein zu erwecken, als hätte ich dieses fadenscheinige Argument verstanden, nimmt meine Junior-Partnerin den Einlauf erstaunlich gelassen hin. Vermutlich hat sie gerade wieder einmal mit diesem Laden abgeschlossen und sammelt ihre Argumente für eine spontane Kündigung.

Schweigend gehen wir mit den Trümmern unserer Arbeit der letzten 24 Stunden an unseren Platz zurück und starren paralysiert die durch und durch trostlose Wand an. Ich beschließe, meinen Frust telefonisch an dem Reinzeichner auszulassen, von dem man wahrlich nicht zu viel erwarten darf. Aber der wehrt sich mit Händen und Füßen und behauptet frech, er hätte sich genau an meine Angaben gehalten und dann wären die eben falsch gewesen. Wütend gebe ich ihm die neuesten Änderungen durch und knalle völlig frustriert den Hörer auf die Gabel.

So ein gottverdammter Scheißtag! Vielleicht sollte ich doch etwas ganz anderes machen. Blumen züchten zum Beispiel.

Gerade als ich anfange, diesen Gedanken nicht mehr ganz so abwegig zu finden, steht wutschnaubend der Produktioner an meinem Schreibtisch. Er ist kalkweiß vor Zorn, schmettert sämtliche Stadien dieser vermaledeiten Reinzeichnung auf meinen Tisch und macht mir mit einfachen und sehr deutlichen Worten klar, dass mich die Schuld für die diversen Schlampereien und überhaupt für alle Fehler in dieser Agentur und der ganzen weiten Welt trifft. Ob man als Blumenzüchter auch eine so große Verantwortung hat?

Doch dann kommt mir der Erzengel Michael persönlich zu Hilfe – in Gestalt meines Art-Directors. Mit kühlem Kopf und souveränen Argumenten schafft er es, den höllisch tobenden Produktioner in sein dunkles Reich zurückzutreiben. Danke.

Aber er ist nicht alleine – und schon gar nicht ohne Grund – gekommen. Texter, Stratege, Beraterin, Kontakter und sogar der CD höchstpersönlich scharen sich um mich und die Asche meines Jahrtausend-Layouts. Quasi die ganze verdammte Agentur hat sich hinter meinem Rücken versammelt und beginnt wahrscheinlich gleich mit meiner öffentlichen Hinrichtung, was sich sogar meine Junior-Kollegin nicht entgehen lässt. Mit großen Augen guckt sie mich an und ich meine so etwas wie einen letzten Gruß von ihren Lippen zu lesen. Adieu, du schöne, grausame Welt.

Doch es kommt ganz anders: Nicht, dass ich es genossen hätte, aber anstatt mich vor der versammelten Meute teeren und federn zu lassen, setzt sich der CD neben mich und diktiert mir unter dem Beifall aller, was ich an meinem Layout ändern soll. Sogar die chronisch unzufriedene Beraterin nickt und der Stratege kommentiert jede Äußerung begeistert in seinem komischen Fachjargon, während ich wie ein Schuljunge die knappen Befehle des CDs in die Tat umsetze: Logo hier hin, ein bisschen kleiner, halt, und das Bild – nee, das ist nix, nimm mal das hier – und pack es mehr nach links, und Zackzack die neue Headline rein und fertig. Geht doch. Ausdrucken bitte.

Etwa eine Stunde und circa 25 Ausdrucke später sind dann auch alle zufrieden. Alle? Nein, nicht alle. Einer blickt sorgenvoll auf die untergehende Sonne – wohlwissend, dass er sie auch wieder aufgehen sehen wird: Ich. Die Schmach von vorhin habe ich zwar einigermaßen überwunden, aber der Job ist noch nicht erledigt. Noch lange nicht. Denn jetzt heißt es, die restlichen Anzeigen, Plakate, Filme, POS-Mittel und Was-weiß-ich-sonst-noch in dem neuen Look zu gestalten. Ein nicht enden wollender Strom an gelayoutet werden wollenden Werbemaßnahmen bricht über mich herein. Bis morgen früh um zehn. Spätestens. Da müssen wir zum Flieger. Herzlichen Dank.

Es ist weit nach zehn, da hat irgendjemand von meinen geschätzten Kollegen die glorreiche Idee, Essen zu bestellen. Routiniert wähle ich meine Standard-Pizza, während meine Junior-Texterin sich wie immer zwischen zwei nahezu identischen Salaten zu entscheiden versucht. Und so können wir endlich gegen halb zwölf das Essen zu uns nehmen. Mit Pizza, Bier und lauter Musik hauen wir das Zeug nur so aus dem Drucker und der Einzige, der bei dem Tempo nicht mehr mithalten kann, ist unser lieber immer noch übermüdeter Praktikant. Vor ihm türmt sich schon ein Riesen-Stapel an Ausdrucken, der sauber ausgeschnitten und ordentlich auf Pappe gezogen werden will. Bei uns ist man da sehr pingelig – schief geklebte Pappen oder gar solche mit Falten werden erst gar nicht mitgenommen – und ich bin mal wieder heilfroh, nicht in seiner Haut zu stecken. Doch bis kurz vor dem Morgengrauen geht alles glatt.

Und dann liest der Texter noch mal alles Korrektur. Leider. Wie es der Teufel so will, steckt ein Wortdreher im Fließtext. Unseren eindringlichen Argumenten zum Trotz, dass den doch eh keiner lesen würde, werden 36 Dokumente noch einmal ausgedruckt, ausgeschnitten und aufgezogen. Beim 37ten macht – wie soll’s anders sein? – der Drucker nicht mehr mit. Zumindest nicht mehr mit allen Farben, sodass wir die Wahl zwischen reinem Schwarz-Weiß oder einem schrecklichen Magenta-Ton haben. Ganz demokratisch entscheiden wir uns für den alten Ausdruck mit dem Wortdreher und hoffen inständig, dass keiner diesen Faux Pas bemerkt. Und mehr noch: Irgendwo ganz tief in mir drin verspüre ich sogar ein kleines Fünkchen Freude, all diesen pingeligen Leuten, die mir heute das Leben schwer gemacht haben, ein Kuckucksei unterzujubeln.

Der Morgen hüllt uns bleiche Gestalten in ein beängstigendes Grau, die Putzleute wischen ehrfürchtig-angewidert um uns herum und wir dürfen gleich nach Hause gehen. Jetzt müssen nur noch die Präsentationspappen in den passenden Pappensarg (eine unnötig sakrale Bezeichnung für einen profanen Präsentationskoffer, wie ich finde) … in irgendeinen Pappensarg. Außer sich vor Panik durchwühlt die Beraterin die Agenturräume – auf der Suche nach diesem auf seltsame Weise immer wieder verschwindenden Pappensarg lässt sie kein noch so gut gehütetes mögliches Versteck aus. Und dann kommt auch schon das Taxi. Und wartet auf die Pappen, die es zu unseren ebenfalls wartenden Chefs am Flughafen bringen soll. Doch ohne eine angemessene Verpackung wollen wir sie nicht so recht hergeben – wie sieht das denn auch aus? Die Beraterin kämpft bereits mit den heraufziehenden Symptomen eines handfesten hysterischen Anfalls, als wir – wieder einmal – ganz basisdemokratisch entscheiden (genauer gesagt ist es meine Idee, denn ich will jetzt wirklich nach Hause), den schon für die nächste Präsentation bereitgestellten Pappensarg kurzerhand zu entleeren und in Beschlag zu nehmen.

Aber da ist das Taxi schon weg. Und – als ob sie’s gewusst hätten – bei der Taxizentrale permanent besetzt. Was also tun? Der Texter schlägt ernsthaft vor, die Pappen mit dem eigenen Auto zum Flughafen zu bringen – nur um wirklich sicher zu gehen, dass sie auch rechtzeitig ankommen. Und weil wir inzwischen viel zu müde sind, ebenso ernsthaft zu widersprechen, finden wir uns 10 Minuten vor Start in der großen Abflughalle wieder. Stinkend, blass und für eine frühmorgendliche Leibesvisitation geradezu prädestiniert, händigen wir unser Tag- bzw. Nachtwerk dem finster dreinblickenden, weil ahnungslosen Managing Director und dem sichtlich erleichterten CD aus. Letzterer murmelt sogar so etwas wie „Danke, Jungs.“

Und genau das ist es, warum ich diesen Job und diese Agentur so liebe: Ein leise geflüstertes Dankeschön kann tatsächlich ganze 24 Stunden im Tal der Tränen vergessen machen. Im Ernst. Aber das versteht nicht mal meine Freundin, die ich mittlerweile nur noch schlafend kenne. Doch morgen, tröste ich sie und mich, morgen wird alles besser. Und träume süß von einer beispiellosen Karriere als Werbe-Gott.

9 Responses

  1. Alex Galkin

    Ich find diesen Bericht sehr schön gemacht – ich hoffe ,dass ich auch bald für dieses „Danke“ arbeiten darf :)

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  2. bjoern

    Ohjee,.. wies wohl jedem bekannt vorkommt.
    geteiltes leid ist halbes leid,.. dummerweise,.. udn deswegen sprech ich von leid,.. gabs bei usn nichmal ein „danke jungs“ -.-

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  3. High-ke

    hmm naja irgendwie bin ich erleichtert zu hören dass es doch überall so zugeht aber auf der anderen Seite reicht mir dieses Danke nicht aus über meine sinkende Gesundheit hinwegzuschauen. Ich frage mich warum sich in jeder Branche eine Gewerkschaft oder gar die Politik sich darum kümmmert dass die Arbeitnehmer eben ganau nicht so ausgebeutet werden außer in unserer!Ich werde dann mal Blumenzüchter!

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  4. Stephan

    „Er (dieser Artikel) schildert eindrucksvoll und authentisch den Arbeitsalltag eines Grafikers in einer Kreativ-Agentur.“

    Ich finde es unverantwortlich, diesen Artikel zu veröffentlichen und als „Alltag“ hinzustellen. Sicher gibt es auch solche Tage. Aber der typische Tag eines Kreativen sieht nun wirklich nicht so krass und unmenschlich aus. Ich kann das sagen, ich arbeite seit über 10 Jahren in verschiedenen Agenturen. Den Junioren mit so einem Artikel Angst zu machen ist einfach nur daneben.

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  5. Sandro

    Ich bin ein Schritt weiter. Wahrscheinlich im vergleich zum Autor etwa 1-2 Jahre im Voraus, ich hab die Kündigung schon geschrieben. Das einsame word-Dokument dessen Datum sich von selbst bei jedem Öffnen automatisch ändert -ich bin ein krasser Nerd- wartet nur drauf gezückt zu werden.
    Das Level zwischen dem Zufriedenheits-Gefühl beim „danke“ und „ich werde Blumenhändler“ schwankt halt noch.
    Ich hab mal was in einer bekannten Frauenzeitschrift gelesen, es nannte sich Work-Life-Balance. Ein wunderschönes Wort, das mein GT2 fahrender Chef sicherlich voll auslebt. Ich check mal mein Job-App nach Neuigkeiten. Die Bahnfahrt dauert noch ne ganze Weile. Und das Word-Dokument braucht ein neues Speicherdatum.
    Haltet durch. Wir sehen uns beim Blumenhändler wenn wir mal wieder ein Blümchen für unsere Freundinnen kaufen, weil wir schon wieder nicht ganz sicher pünktlich gegangen sind.
    S.

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  6. Saheed

    Hi, leider wird mir der Text nicht angezeigt sondern nur diese Fehlermeldung: Warning: Parameter 1 to fdl_the_content() expected to be a reference, value given in /is/htdocs/wp1031569_W46D59VO00/_kreativkarriere/wp-includes/plugin.php on line 166

    Was muss ich tuhen damit ich den Text auch lesen kann ?

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  7. Korks

    Es gibt Leute die anscheinend dazu geboren sind Sklaven zu sein…
    Aber wenn man bereit ist sich fürs „Designer sein“ auspeitschen zu lassen, jedem das seine. Herrscht ja freie Berufswahl in Deutschland.

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  8. Thorsten

    Interessanter Text.

    Eines ist jedoch für mich ein Fakt:

    Es ist absolut nicht erstrebenswert als Grafikdesigner zu arbeiten.
    Der Berufseinstieg ist schlicht demütigend. Die alteingesessenen Grafikerschlangen, welche emsig bemüht sind ihren eigenen Arsch am $%&§“! zu halten, geben sich mehr Mühe damit zu mobben und auszubremsen, als vernünftige Arbeit abzuliefern. Die ganze billige Fassade und die indirekte Lügerei der Obrigkeit ist leicht zu durchschauen, nichtsdestotrotz halten sich die Bosse und deren ölige Lakaien für übel schlau und gerissen. Angebliche Festanstellungen werden gern als Köder verwendet, um mal wieder ein naives Grafikn$%tchen als billige Urlaubsvertretung zu missbrauchen. Den nervigen Sch%&$ lässt man von Praktikantensklaven erledigen, während man seinen verlogenen Herrenmenschen§$%&§ ganz tief in den Chefsessel gräbt und sich überlegt, welche „goals“ noch zu „achieven“ sind. Es gibt noch eine ganze Menge an netten Alternativen zum Blumen züchten. Wertschätzung ist in unserer Egos%&-gesellschaft ja sowieso ein viel zu überzogener Wunsch, wenn es um die Arbeitswelt geht. Wer jedoch nicht wie der letzte N%&tenzombie der Nation behandelt werden will, sollte eventuell von diesem Job Abstand nehmen. Das ist nur meine ganz persönliche Meinung. Vielleicht gibt es ja doch noch so ein paar nette Agenturen irgendwo da draußen. Ich hab keine einzige gesehen und war schon zu lange an Bord. Glücklicherweise habe ich jetzt endlich hingeschmissen und fühle mich einfach nur wunderbar.

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